Verlagsvorstellung Eldur Verlag – Interview

Hallo zusammen!
Heute geht es weiter mit der Verlagsvorstellung zum Eldur Verlag.

Damit ihr den kleinen Verlag noch besser kennen lernen könnt, habe ich Dr. P. Dobrovka ein paar Fragen geschickt:

Mögen Sie sich und ihre Tätigkeit einmal kurz vorstellen, damit alle wissen, wer Sie sind?
Naja, die Tätigkeit. Als Verleger verlegt man Bücher. Das heißt, jemand hat eins geschrieben, kommt zu mir und fragt, ob ich es drucken und verkaufen will, und ihm dafür ein Honorar zahle. Und wenn mir sein Werk gefällt, dann tue ich das. Dann kann die Welt sein Geschriebenes bei mir in Papierform kaufen. Oder als E-Book. Es gibt auch Bücher, die von mehreren Autoren verfasst werden, zum Beispiel Kurzgeschichten-Sammlungen wie die FLEISCH-Reihe. Die müssen sich das Honorar dann teilen.
Den meisten ist es in erster Linie wichtig, veröffentlicht zu werden, um große Geldsummen geht es hier so gut wie nie. Anfängerautoren sind anfangs sogar überrascht, dass sie überhaupt Geld bekommen. Schließlich gibt es ja auch Verlage, die dafür Geld NEHMEN.
Ganz so einfach, wie sich das anhört, ist die Verlagsarbeit nicht.
Die wenigsten Autoren – selbst die sehr guten – schreiben so, dass man es unbesehen einfach drucken kann. Der Verleger muss den Text erst mal lektorieren lassen, das bedeutet in erster Linie die Ausmerzung von Rechtschreibfehlern und Stilblüten durch einen Fachmann, den Lektor. Der Lektor soll auch Logikfehler finden, wenn vorhanden, und mit dem Autor besprechen, wie man die wegbekommt. Lektoren kosten Geld. Große Verlage haben fest angestellte, wir greifen auf freiberufliche zurück. Oder ich erledige das selbst.
Dann muss das Schriftbild noch in eine gefällige Form gebracht werden, und überhaupt: Der Buchdeckel benötigt ein käufermagnetisches Aussehen. Hässliche Bücher werden nicht gekauft, egal was drinsteht. Ist so. Hier sind dann wieder Grafiker gefragt. Die kosten auch Geld. Auch hier erledige ich sehr viel selbst.
Der Verkauf der Bücher läuft auch nicht von selber, man muss der Welt da draußen schon recht hartnäckig und penetrant mitteilen, dass sie existieren und gekauft werden wollen, das Ganze nennt sich Werbung.
Der Eldur-Verlag ist ein winziger Betrieb, dessen Personal in der Geschichte seines Bestehens immer nur aus zwei, höchstens drei Leuten gleichzeitig bestand. Davon bin ich wiederum der harte Kern. Der, der immer dabei war.
Wieso verlegen Sie Horror, Fantasy und Science-Fiction?
Ich beginne mal damit, warum ich gerade das verlege und nicht etwas anderes: Weil ich das selber am liebsten lese und davon entsprechend am ehesten etwas verstehe. Zum Geldverdienen gäbe es dankbarere Rubriken, zum Beispiel Erotik, damit kann man Geld scheffeln wie Hölle, aber es würde mir keinen Spaß machen, mich damit zu beschäftigen. Erotik langweilt mich. Schon komisch, nicht? Dabei sind in unseren Büchern durchaus immer wieder deftige bis geradezu perverse Sexszenen zu finden. Gerade die Verbindung von Sex und Horror ist sehr aufregend.
Horror, Fantasy und Science-Fiction kann man auch zusammenfassen in “Phantastische Literatur”. Also Literatur, die sich mit Dingen beschäftigt, die es grundsätzlich gar nicht gibt. Dämonen, Götter, Elfen, Zauberei, erdachte Technologie, usw. Die wirklich gute Literatur in diesem Bereich ist jedoch nicht die, die sich am weitesten von der Realität entfernt hat, sondern die, die trotz allem an der Realität, wie wir sie kennen, am nächsten dran ist. Deswegen sind beispielsweise meine Lieblinge im Moment “Game of Thrones” und “The Walking Dead”. Die Grundsituation mag unrealistisch sein, aber dafür verhalten sich die Menschen in diesen Situationen um so authentischer und treffen unter hohem emotionalen Druck sehr interessante, ethisch stundenlang diskutierbare Entscheidungen – und Fehlentscheidungen.
Wie auch immer. Das normale Leben ist doch letztlich langweilig und dumm. Die meiste Zeit besteht es aus Schlafen, Arbeiten, Einkaufen. Wir müssen uns täglich damit abplagen, wieso noch darüber lesen? Wir alle wollen doch lesen über das Besondere, Außergewöhnliche, Aufwühlende! Letztlich ist fast alle Literatur Erzählung über erfundene Außergewöhnlichkeiten. Auch die, in denen keine Monster, Raumschiffe und Zauberer vorkommen. Es gibt Horst Schimanski ebenso wenig wie Sherlock Holmes, James Bond oder Han Solo. Man muss sich mal vor Augen führen, wie klein der Unterschied zwischen all diesen erfundenen Realitäten ist. Deswegen kann ich eigentlich gar nicht verstehen, wieso manche Leute so eine harte Grenze ziehen wollen zwischen “realistisch” und “unrealistisch”.
Dann wäre da noch die Frage, warum ich überhaupt Horror etc. verlege. Darauf gibt es eine ganz hochtrabende Antwort: Weil das, was ich verlege, sonst oftmals gar nicht verlegt werden würde, und das wäre schade. Zumindest galt dies wohl in der Anfangszeit. “Fleisch und andere Appetitverderber” zum Beispiel war eines der ersten Extremhorrorbücher, wenn nicht gar das erste überhaupt in Deutschland. Kein Verlag hat sich getraut, so etwas auch nur mit der Kohlenzange anzufassen. Das hat sich inzwischen geändert, aber damals war es so. Ich stieß damit auf ein Marktvakuum und konnte tausende Bücher verkaufen.
Ähnliches gilt für “Das blaue Portal”, das von allen renommierten Verlagen abgelehnt wurde, und dann bei mir sowohl kommerziell erfolgreich war als auch den 4. Platz beim Deutschen Phantastik-Preis 2005 bekam.

Was ist für Sie das besondere am Horrorgenre?
Es ist das Spiel mit dem Erschrecken. Horrorgeschichten sind für den Autor so was wie ein Streich. Man freut sich, wenn es einem gelungen ist, den Leser zu verstören, anzuwidern, zu schockieren. Das hallt nach, prägt sich ein, bleibt immer im Bewusstsein.
Dazu muss man sich übrigens auch keines Übernatürlichen bedienen, es taugen auch Psychopathen, Kriege, Krankheiten, Naturkatastrophen. Roman-Klassiker wie “Im Westen nichts Neues” sind mit ihren Beschreibungen von Kriegsverletzungen und Leiden für mich eigentlich Horrorliteratur.
Der typische Horrorleser ist wiederum einer, der sich das zu Gemüte führt, um Angst zu erleben. Warum man das will, ist schwer zu beschreiben, aber etwas davon steckt in jedem von uns drin. Wenn es einen Unfall oder ein Verbrechen oder eine Katastrophe gibt, wo Menschen sterben, leiden, es ihnen übel ergeht, da wollen wir alles ganz genau darüber wissen, und am liebsten sehen. Deswegen gibt es überhaupt erst Zeitungen, Nachrichtensendungen, etc. Es haben schon etliche Journalisten versucht, mit guten Nachrichten etwas auf die Beine zu stellen. Diese Projekte scheitern kläglich, das Gute interessiert keinen. Oder eben nur wenige.
Oder warum florierten früher Abnormitätenshows in den Zirkussen? Wir alle wollen so was sehen. Wir tun manchmal so, als würden wir es nicht wollen, weil sich das nicht schickt, es sehen zu wollen, aber wir wollen. Wir alle wollen. Und wie!
In der Welt des erfundenen ist das ähnlich. Warum sind Krimis so beliebt? Ganz besonders die Schwedenthriller, wo meist nicht nur das Verbrechen schrecklich ist, sondern auch das Privatleben des Ermittlers, ja seine ganze Stadt, in der er verdammt ist, zu leben, ist schrecklich und voller unterschwelliger Misstände.
Horror ist die konsequente Weiterführung des Schreckens, den man sich gerne genauer ansehen will.

Kann man überhaupt noch geschockt werden, wenn man so viel Horror liest?
Von den Geschichten selbst nicht. Allenfalls bin ich hin und wieder überrascht, welche Steigerung des Grausamen und Perversen dem einen oder anderen noch eingefallen ist, worauf ich im Leben nicht gekommen wäre. die letzte dieser Überraschungen war die Geschichte über einen Perversen, der Sex hat mit Kühen auf der Weide, sich dabei mit ihrer Scheiße einreibt und sie bei lebendigem Leib zerstückelt – zu finden in Fleisch 3.
Das reale Leben allerdings, das ja nun deutlich harmloser abläuft, jedenfalls in Deutschland, kann mich durchaus schocken. Dabei gilt, dass je näher das Ereignis am eigenen Fell ist, desto banaler und geringfügiger schon ausreichend ist, um einen zu schockieren. Wenn man erfährt, dass ein Familienmitglied Krebs hat oder sich einer Sekte anschließen will, oder der Chef einen von heute auf morgen rausschmeißt, die Ehefrau einen verlässt, usw. Bei manchen reicht eine Kakerlakeninvasion in der Küche schon aus, um nachhaltig zu traumatisieren – vorausgesetzt, es ist die eigene Küche.

Was macht für Sie guter Horror aus?
Ein Rezept hierfür gibt es nicht, es kommt auf die Wirkung an. Wenn er Angst macht, ekelt, verstört, usw. dann hat er seinen Auftrag erfüllt und ist guter Horror. Es gibt allerhöchstens grobe Richtlinien, mit denen man es versauen kann, zum Beispiel schlechte Sprache, Unlogik, Pathos … Damit überschreitet man sehr schnell die Grenze zur Parodie. Damit wäre vielleicht am Ende doch noch ein Kriterium geboren: Guter Horror muss eine Geschichte erzählen, die man ernst nehmen kann. Und darum sagte ich ja auch zu Anfang, dass es besser ist, so nahe an der Realität zu bleiben, wie es nur geht. Man muss die Personen in der Geschichte nachvollziehen können, sie sollten einem vielleicht sogar sympathisch sein. Sie sollten sein wie wir selber, damit wir das Gefühl haben, dass uns das auch passieren könnte, was ihnen widerfährt.
Gibt es für Sie No-Gos in Büchern?
Darüber muss ich einen Moment nachdenken. No-Gos für mich als Leser oder als Verleger? Das muss man trennen.
Für mich als Leser gibt es nichts dergleichen. Allerdings bin ich da nicht das Maß aller Dinge. Und eben deswegen muss ich als Verleger etwas anders denken.
Zwar denke ich, dass die Verleger und Filmemacher von heute ihr Publikum ungerechtfertigt für Weicheier halten und sich deswegen Tabus auferlegen, die überflüssig sind, aber ein paar Dinge sind dann doch unterschwellig problematisch. In einem Liebesroman kommt es zum Beispiel nicht gut, wenn der Held pädophil ist. – Ah, wie mir gerade einfällt, verlege ich ja gar keine Liebesromane, puh, da habe ich ja noch mal Glück gehabt.
Das Quälen von Kindern und Tieren ist etwas, das auch in der Horrorleserschaft gerunzelte Augenbrauen hervorruft. Da muss man vorsichtig sein. Wenngleich nicht in der FLEISCH-Reihe, die ja den Tabubruch als oberste Direktive besitzt. Für den ersten Teil habe ich seinerzeit eine anwaltliche Abmahnung bekommen, solche “jugendgefährdenden Schriften” in Zukunft zu unterlassen. Nun ja, die Reihe ist inzwischen bei Teil 3 angelangt, Teil 4 ist in Arbeit.

Was mögen Sie an Ihrer Arbeit am liebsten?
Das kann man gar nicht in Worte fassen. Was mögen Musiker am Musizieren, was Bergsteiger am Bergsteigen, was Computerspieler an Computerspielen? Es macht einfach Spaß, man fühlt sich erfüllt und hat Freude an dem, was man tut. Und an der Vorfreude, bald die Rezensionen über das aktuelle Projekt lesen zu dürfen.
Geld ist hier tatsächlich völlig unwichtig. Ich glaube, ich würde das auch dann noch tun, wenn ich draufzahlen müsste. Erfreulicherweise muss ich das nicht.

Auf was dürfen wir uns in der nächsten Zeit freuen?
Die FLEISCH-Reihe wird fortgesetzt, solange es Autoren gibt, die sich dafür zur Verfügung stellen. Teil 4 kommt zu Halloween 2016 raus, passenderweise, für Teil 5 ist auch schon etwa die Hälfte des Materials beisammen.
Eine spezielle Kurzgeschichten-Sammlung von Markus Kastenholz ist auch schon so gut wie fertig, sie trägt den Titel “Rotjäckchen und der perverse Wolf”. Er ist übrigens Herausgeber und Mitautor von Fleisch 2, 3 und 4, und auch sonst kein Unbekannter in der Horror-Literaturlandschaft.
Eine humorvoll angehauchte Sammlung von Fantasy-Kurzgeschichten soll auch noch bald folgen, sie trägt den Titel “Drachen, Helden und andere Blechschäden”.
Band 5 der Dark-Fantasy-Reihe “Die Chroniken der Anderwelten” ist auch in Arbeit, das ist immer ein kleiner Höhepunkt, wenn da ein neues Buch herauskommt, allerdings dauert das noch ein Jahr oder zwei.
Was zwischendurch reinschneit, sind oft Spontanprojekte. Ich kriege oft gute Manuskripte angeboten und muss dann schnell zugreifen, sonst holt es sich die Konkurrenz.

Hat man privat überhaupt noch Lust auf Bücher oder verbindet man das dann sehr mit der Arbeit?
O ja, man hat. Das ist ja nicht nur reine Arbeit, es ist auch Hobby. Aus finanziellen Gesichtspunkten ist es sogar eher Hobby als Arbeit, da ich davon alleine nicht leben könnte, es bleibt weniger Geld in der Tasche als bei einem Hartz-4-Empfänger. Aber ich schweife ab.
Wenn man eine Arbeit hat, die einem Spaß macht, nimmt man sie nicht als Arbeit wahr, sondern ist begeistert bei der Sache. Es ist dann ein Dauerspaß. So etwas hatte ich in meiner Zeit als Computerspieleprogrammierer 2000-2002. Ich war täglich 12-14 Stunden in der Firma, ging sogar noch an Sams- und Sonntagen da hin und schwebte dabei auf Wolke 7.
Und so empfinde ich die Verlegerarbeit nicht als Arbeit. Ich lese nebenbei noch ziemlich viel und gerne. Natürlich in den Genres Horror, Science-Fiction und Fantasy. Aber auch Sachbücher. Meist über Morde, Psychopathen, Profiler und Rechtsmediziner.

Wie entstehen bei Ihnen die Cover? Auf was achtet man?

Es muss auf den ersten Blick Aufmerksamkeit erregen, und beim zweiten Blick muss es zum Inhalt passen. Ich mag keine Cover, die nichts mit dem Inhalt eines Buches zu tun haben oder gar irreführend sind.
Die Cover sind oft Auftragsarbeiten. Ich habe eine Idee und trommele dann Grafiker zusammen, um sie zu fragen, ob sie diese Idee umsetzen können, und wenn ja, für wieviel Geld.
Manchmal bekomme ich auch Covervorschläge vom Autor, vom Herausgeber, oder aus der eigenen Familie. Die sind selten brauchbar, aber jedes blinde Huhn findet auch mal ein Korn. Die Cover der Bücher von Torsten Sträter (ja, der aus’m Fernsehen) sind übrigens vom Autor selbst, und sie sind beeindruckend gut, wie ich finde. Das Titelbild von Fleisch 3, die verrenkte Frau im Kühlschrank, hat Markus Kastenholz aufgetrieben.
Ist ein Titelbild gefunden und der Autor ausgezahlt, wird es eingebaut. Das Bild ist 80% vom Ganzen, aber da müssen ja auch noch Buchstaben dazu – Titel und Autorenname -, und das Verlagslogo, auf die Rückseite ein Klappentext, der Preis, die ISBN, der Barcode, und vielleicht noch ein Zweitbild. Das Ganze ist dann am Ende ein großes JPG und der Rest ist Sache der Druckerei.

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